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“Civic education” – was ist das?

Konzepte in Nordamerika

Die Gesellschaften Nordamerikas, die USA und Kanada, waren traditionell Einwanderungsgesellschaften. Pluralistische Gesellschaften wie die nordamerikanischen Staaten werden dann zu „civil societies", zu Zivilgesellschaften, „wenn ihre Mitglieder über die trennenden kulturellen Unterschiede hinweg ein gemeinsames Wissen darüber entwickeln, welcher Minimalkonsens einer ‚civil society’ notwendigerweise zugrunde liegen muss" (Sliwka 2001: 17). Um diesen Minimalkonsens zu finden, bedarf es fairer Spielregeln für das Zusammenleben und die Konfliktlösung. Die Bürger/-innen müssen nicht nur zusammenleben, sondern aktiv erarbeiten, wie sie zusammenleben wollen. Die Gesellschaft benötigt ein normatives Gerüst von so genannten „liberal virtues", Tugenden des Zusammenlebens, die unabhängig von der kulturellen Herkunft der Bürger/-innen gelten (Galston 1991) und die ihre Bürger/-innen beherrschen. Der Aufbau dieser Tugenden ist Ziel einer schulischen „civic education". In Nordamerika haben sich hierfür zwei Konzeptionen herausgebildet, die auf unterschiedlichen Auffassungen über den Staat und die Rolle der Bürger/-innen beruhen und methodisch unterschiedliche Schwerpunkte setzen.

Die eine Konzeption der „civic education" baut auf einer kontraktualistischen Staatsauffassung auf, die auf liberale Theoretiker zurückgeht. Ein Staat ist nach dieser Auffassung – vereinfacht ausgedrückt – ein Zusammenschluss von Menschen, die einen „Kontrakt" geschlossen haben, um in Frieden und Freiheit leben zu können. Höchster Wert in diesem Staat ist das Wohl des Individuums, das seine Meinung frei äußern darf, sein Leben im Rahmen des friedlichen Zusammenlebens nach seinen Vorstellungen gestaltet und fair mit seinen Mitbürger/-innen umgeht. Innerhalb einer solchen Staatsauffassung ist die Schule eine liberal-neutrale Institution, die sich den verschiedenen Lebensvorstellungen der Schüler/-innen gegenüber vollkommen neutral verhalten sollte. Sie vermittelt keine bestimmte Vorstellung des „guten Lebens", sondern Fähigkeiten, um die eigenen Wertvorstellungen klären und tolerant kommunizieren zu können.

Der anderen Konzeption der „civic education" liegt eine republikanische Staatsauffassung zugrunde. Der Staat steht hier für ein normatives Konzept von einer „guten Gesellschaft". Bürger/-innen spielen eine wichtigere Rolle in Hinblick auf das Wohl der Gesellschaft im Ganzen. „Civic education" innerhalb des republikanischen Ansatzes hat neben kritischem Denken und deliberativer (d. h. abwägender) Kommunikation vor allem zum Ziel, Fähigkeiten zu entwickeln, um gemeinsam Probleme lösen und die Lebenswelt gestalten zu können (Barber 1984). Zivile Tugenden („civil virtues") der Bürger sind innerhalb dieser Auffassung nicht nur Fähigkeiten der Kommunikation und Aushandlung, sondern die Fähigkeit zu sozialem und politischem Handeln. Aktive Bürger müssen nach dieser Konzeption in der Lage sein, Aufgaben und Probleme in ihrer Lebenswelt zu erkennen, Lösungsansätze zu entwickeln und diese einzeln oder in Gruppen durch ihr Handeln umzusetzen. Barber (1984) spricht hier von einer „starken Demokratie".

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