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BLK-Programm - Demokratie lernen & leben: Schule als Polis

Materialien

Schule als Polis

Inhalt dieses Bausteins

Die in den letzten Jahren viel beachtete und ursprünglich von Hartmut von Hentig in den 1990er-Jahren geprägte Formel der "Schule als Polis" bezeichnet einen pädagogischen Entwurf schulischer Demokratie, in der alle Schüler/-innen (ähnlich wie einst die freien Bürger der antiken attischen Polis zu deren demokratischer Blütezeit) möglichst vielfältige Gelegenheiten erhalten sollen, ihr Leben und Lernen als gemeinsam und selbstbestimmt gestaltbare Sache zu erfahren. Anknüpfend an John Deweys  Idee der Schule als einer "embryonic society" versteht von Hentig die von ihm geforderte "neue Schule" als politisches Gemeinwesen, in dem man "im Kleinen die Versprechungen und Schwierigkeiten der großen res publica erfährt, sich und seine Ideen erprobt und die wichtigsten Tätigkeiten übt [...]." (von Hentig 52004 [1996]: 126 f.).

Damit verspricht die Konzeption der Polis einen wesentlichen Beitrag zur Schaffung einer demokratischen Schulkultur und zur Entwicklung demokratischer Kompetenzen zu leisten. Allerdings liefert von Hentig mit seiner Idee der Schule als Polis weniger ein starres Modell als vielmehr eine anregende, leitbildartige Metapher, die sich praktisch auf unterschiedliche Weise umsetzen lässt. Dieser Offenheit des Konzepts entspricht der Gedanke, dass es der Idee der Demokratie widerspricht, sie als eine Ordnung zu verstehen, die man in Form eines Modells verordnen könnte. Demokratie ist, wie oft festgestellt wird, kein Zustand, sondern ein Prozess. Das heißt, zu den Kompetenzen demokratischen Denkens und Handelns gehört nicht nur die Fähigkeit, innerhalb demokratisch verfasster Strukturen zu handeln, sondern insbesondere auch das Vermögen, diese Strukturen selbst immer wieder in gemeinsamen Abstimmungsprozessen reflektierend und handelnd zu gestalten. Um die Entwicklung derartiger demokratischer Beteiligungs- und Gestaltungskompetenzen zu fördern, sind Schuldemokratien im Sinne der Idee der Polis deshalb als Gebilde zu verstehen, die von den Schüler/-innen wesentlich mitgestaltet werden sollten. Darüber hinaus stellt die moderne Schulpolis immer auch ein offenes und vielfältig kooperierendes Gemeinwesen dar, das sich über den eigenen Lebens- und Erfahrungsraum auch dem anderer Gemeinwesen öffnet.

Im Hinblick auf die konkrete Realisierung der Idee ist es bei alledem wichtig, vorab darauf hinzuweisen, dass sich die Idee der Polis nicht in all ihren Facetten ohne Weiteres auf die Schule übertragen lässt. So ist die Schule als staatliche Bildungsinstitution an einen gesellschaftlichen Bildungsauftrag und an den rechtlichen Rahmen des Schulgesetzes des jeweiligen Bundeslandes gebunden, der für die Schule verpflichtend ist. Ebenso lassen sich Schülerinnen und Schüler nur bedingt als "freie Bürger" verstehen, da ihre Wahlmöglichkeiten beispielsweise in Bezug auf die Wahl von "entscheidenden" Personen wie Schulleiter/-innen und Lehrer/-innen eingeschränkt sind. Damit ist die direkte Übertragung der Polisidee auf die Schule im Sinne einer Regierungsform von vornherein weitgehend ausgeschlossen. Die Idee der Polis ist deshalb vielmehr als Konzept zu verstehen, das beinhaltet, Schule als Demokratie zu leben und Schüler-/innen vielfältige Formen demokratischer Mitsprache, Mitbestimmung und Mitgestaltung zu ermöglichen.

Die drei im Folgenden vorgestellten Schulbeispiele mögen einige der Möglichkeiten, Schule in diesem Sinn als Polis zu verstehen und zu entwickeln, veranschaulichen. Das erste Beispiel beschreibt die Bielefelder Laborschule, die von Hentig Anfang der 1970er Jahre gründete und lange Jahre (bis zu seiner Emeritierung als Professor für Pädagogik 1987) wissenschaftlich leitete. Seine Idee der Schule als Polis lässt sich als verallgemeinernde und pointierte Zusammenfassung der dort praktizierten Beteiligungsformen verstehen, die zusammen genommen gewissermaßen das prototypische Modell der Schulpolis darstellen. Dass man die Idee der Schule als Polis gleichwohl nicht auf dieses Modell reduzieren muss und sollte, zeigt das zweite Beispiel des Gymnasium Neuhaus, einer Programmschule des BLK-Programm "Demokratie lernen und leben" in Thüringen. Hier wurde von Lehrer/innen, Schüler/-innen und Eltern eine stärker an das historische Vorbild der demokratischen Selbstorganisation der antiken attischen Polis erinnernde, komplexe demokratische Beteiligungsstruktur entwickelt. Und wiederum etwas anders verhält es sich mit dem an dritter Stelle vorgestellten Beteiligungsmodell, das man ebenfalls als gelingendes Beispiel einer Schulpolis verstehen kann. Dieses Modell wurde an der Berliner Kurt-Tucholsky-Oberschule, einer ebenfalls am BLK-Programm "Demokratie lernen und leben" beteiligter Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe in Berlin-Pankow, von Schüler/-innen mit der Unterstützung einiger Lehrer/-innen erarbeitet und betrifft im Kern die Neugestaltung und Stärkung der Schüler/-innenvertretung durch die Einrichtung von regelmäßig tagenden Arbeitsgemeinschaften. Im abschließenden Teil finden Sie schließlich einige konkrete und allgemeine Hinweise zur Realisierung der Polisidee.

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23.09.2005
Angelika Eikel (verantwortlich) & Tobias Diemer

Schlagworte: Schule als Polis, Schülerbeteiligung, Partizipation (allg.), Schulversammlung/Schülerparlament